Historie

319 - wie es begann und wie es endete

Zur IAA 1955 stellte Daimler-Benz seiner Kundschaft einen neuen Leichtlastwagen vor, den 1,75-Tonner Typ 319. Mehr als zehn Jahre lang hatte ein solcher leichter Lastwagen im Mercedes-Programm gefehlt. In dieser Gewichtsklasse war bis 1943 der L 1500 gebaut worden, dessen Fertigung auf Grund kriegsbedingter Umstände eingestellt werden musste. In den ersten Nachkriegsjahren konzentrierte sich Daimler-Benz vorerst auf den Bau von mittleren und schweren Lastwagen, den Markt der leichten Nutzfahrzeuge überließ man noch der Konkurrenz. Hier war traditionell der Opel-Blitz dominierend, aber auch Hanomag, Borgward und Ford konnten Fahrzeuge bis 2t Nutzlast anbieten. Sie alle aber waren Lastwagen im traditionellen Baustil mit langer Motorhaube.
Im Vergleich dazu wirkte der neue Mercedes 319-Frontlenker ungewöhnlich modern. Sein Aussehen war wohl gewöhnungsbedürftig, denn ein zeitgenössischer Pressekommentar spricht von einem "englisch anmutenden Design", was immer der Autor darunter verstanden haben mag.

Für den neuen Mercedes sprach eine ganze Reihe sachlicher Vorteile: Die Frontlenker-Bauart war raumsparend, die Fahrzeuge waren damit im zunehmend dichter werdenden Großstadt- verkehr besonders wendig. Die aus dem Personenwagen-Programm stammenden Motoren galten als bewährt, die gesamte Konstruktion des neuen Fahrzeuges war robust und auf einfache, kostengünstige Wartung ausgelegt.

Zur IAA 1955 wurde zuerst der L 319 D-Kastenwagen gezeigt, wobei das "L" für "Lastwagen" stand, die Ziffer 319 war die Baumusterbezeichnung, das "D" war Hinweis auf den Dieselmotor. Am Anfang stand nämlich nur der verbrauchsgünstige Diesel zur Verfügung, der aus dem Pkw 180 D stammte und bei 1,8 Liter Hubraum 43 PS leistete, wahrlich nicht üppig für ein Fahrzeug, das voll beladen 3,6 t Gesamtgewicht erreichte. Das war wohl auch dem Hersteller klar, denn ab 1957 wurde wahlweise ein Benzin-Motor angeboten. Er stammte aus dem Pkw-Typ 190 und leistete bei 1,9 Liter Hubraum 65 PS. 

Die wesentlich besseren Fahrleistungen des Benziners mussten allerdings mit einem erheblich höheren Verbrauch bezahlt werden. In der Praxis lag der Benziner bei 15 l auf 100 km, der Diesel dagegen nur bei 10 L. Entsprechend entschieden sich über 90 % der Kunden für den verbrauchsgünstigen Diesel.

Neben dem L 319 D, dessen Fertigung 1956 im Pkw-Werk Sindelfingen anlief, wurde im Omnibus-Werk Mannheim ein O 319 gebaut, dessen Karosserie dem Kastenwagen entsprach. Bei den Bussen lag der Anteil der Benzinmotoren geringfügig höher, er erreichte knapp 15 %, was eigentlich nicht verwundert, denn mit dem 43-PS-Diesel war die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h im vollbeladenen Zustand nur bergab zu erreichen.

Die 319-Baureihe war als Kastenwagen und Bus halbselbsttragend ausgelegt, d. h. die Aufbauten waren neben dem Rahmen mittragend, eine Bauweise, die sich auch beim Mercedes-Bus O 321 H fand. Für alle übrigen Versionen wurde der übliche Leiterrahmen verwendet, wobei es anfänglich einen sogenannten Tieflader gab, bei dem sich die Stahlpritsche direkt auf dem Rahmen befand und die Ladehöhe somit nur 62 cm betrug. Schon ein Jahr später folgte dann zusätzlich eine normale Holzpritsche. 
Werksseitig wurde auch ein Verkaufswagen geliefert, und natürlich stand das Fahrgestell für individuelle Aufbauten aller Art zur Verfügung. 1958 kam eine Hochdachversion ins Programm, die auf Veranlassung der Post entwickelt wurde.

Bei den Kunden fand der neue Mercedes-Transporter beste Aufnahme, schon nach zwei Jahren überflügelte er den Marktführer Opel-Blitz, der, obwohl ab 1959 mit neuer Karosserie, dem Mercedes nicht mehr Paroli bieten konnte. Hierfür gab es gute Gründe, zu erwähnen sind der wirtschaftliche Dieselmotor, die schlagkräftige Mercedes-Verkaufsorganisation, die vielfältige, leicht zu variierende Grundkonstruktion und nicht zuletzt der günstige Kaufpreis.

In den folgenden Jahren wurde die 319-Baureihe überarbeitet und erweitert:
Zur IAA 1961 ersetzte die 2-Liter-Maschine des Pkw-Typs 190 D mit 50 PS den schwächlichen 43-PS-Diesel. Die Leistung des 1,9-Liter Benziners stieg geringfügig auf 68 PS. 
Zusätzlich gab es den 319 nun auch in verstärkter Ausführung mit 3,9 t Gesamtgewicht. Hinzu kam eine Version mit längerem Radstand. Die verlängerte Ausführung wurde vor allem für den neuen Doppelkabinen-Aufbau benötigt.

1963 führte man neue Bezeichnungen ein, aus denen nun Gewicht und Motorisierung zu entnehmen waren. Aus dem L 319 D wurde der L 405, ein (aufgerundeter) 4-Tonner mit 50 PS, aus dem L 319 der L 407. Nur der Bus behielt die alte Bezeichnung O 319 (D). 1965 wurde die Leistung der Motoren nochmals angehoben, durch Änderung der Einspritzpumpe leistete der Diesel nun 55 PS, der Benziner wurde in ungedrosselter Pkw-Version mit 80 PS geliefert. Entsprechend lauteten die Typbezeichnung nun L 406 bzw. L 408. 1967 wurde die Baureihe 319 nach elfjähriger Fertigungszeit durch neue Typen abgelöst. Mehr als 123.000 Lastwagen und Busse waren bis dahin gebaut worden.


Aus "Brekina-Autoheft", Fa. Brekina GmbH, Umkirch. Zuerst wiedergegeben im Ponton-Kurier 3/92, S. 67